Andacht

Gemeindebrief Februar/März 2021

Liebe Leserin, lieber Leser,


Hab Erbarmen mit mir, schreit eine Frau, als sie angegriffen wird, Erbarmen!, Originalton Tatort, Sonntagabend. Erbarmen… Immer seltener kommt dieses Wort im deutschen Sprach-gebraucht vor.

Und doch kennen wir „Erbarmen“ in einigen Zusammenhängen, nicht nur aus den Krimis: „Das Kind weinte zum Erbarmen“… „Es gab kein Erbarmen mit den Übeltätern“. Erbarmen meint eine innere starke Anteilnahme mit dem Gegenüber.

Habt Erbarmen, so wie Gott Erbarmen mit Euch hat, sagt Jesus im Lukas-evangelium zu denen, die ihm zuhören. Ich verstehe Gottes Erbarmen so, dass die Gotteskraft mich freundlich ansieht, mir zuhört, mir Zumutung und Ermutigung schenkt.

Die Aufforderung, den anderen so zu behandeln, wie ich selber behandelt werden will, gibt es schon lange vor der Geburt von Jesus. Sie ist bekannt auch in China, Indien, Persien und Ägypten.

Der Perspektivwechsel ist eine Aufforderung: Versetze Dich in den anderen Menschen hinein! Dass das nicht leicht ist, zeigt das Alter dieser Weisheit. Das geht gar nicht so einfach und… ich will das auch gar nicht immer. Hab ich doch meine Sicht und meine Wahrheit in einer Auseinandersetzung. Hab ich doch mein gutes Auskommen und kann mir Dinge leisten und will ständig nicht auf die Armut in dieser Welt schauen.

Habt Erbarmen, so wie Gott Erbarmen mit Euch hat, ist die Jahreslosung in diesem Jahr. Fühlt mit denen, denen es nicht gut geht. Versetzt Euch in ihre Lage. Wollt Ihr, dass man mit Euch so umgeht, wollt Ihr, dass man so über Euch denkt, wie Ihr es gerade tut? Wollt Ihr so leben wie ein Mensch in …?

Der Perspektivwechsel ist wichtig im Miteinanderleben. Der andere Ge-danke von mir ist auch: Typisch Kirche! Tu was Gutes, gib den Armen! Das ist christlich! Das ist gut! Dann bist Du gut, wenn Du dich so verhältst!
Nein, nein, so ist das doch nur die eine Seite der Wahrheit! Es gibt doch auch Zusammenhänge, in die wir Menschen verstrickt sind. Diese Zusam-menhänge verursachen auch in unserer Welt Not.

Das Bild der Jahreslosung, das die Künstlerin Ute Wengenroth entworfen hat, zeigt mir diese Zusammenhänge (siehe Titelbild).

Die Kontinente driften auseinander. Das Seil, das sie zusammenhält, ist zu schwach. Die Seile sind an Ringen befestigt, nicht an einem Anker. Größe und Anordnung der Kontinente stimmen nicht. Nichts ist auf dieser Welt-kugel, wo es hingehört. Vieles auf unserer Welt ist in Unordnung. Papier-boote könnten die Flüchtenden auf unserer Welt sein. Es gibt die Rettungsringe, aber es sind nicht viele.

Der Kompass am rechten Bildrand scheint überdimensional groß. Es gibt Rettung, sagt dieser Kompass. Es gibt Grund zur Hoffnung. Seid barm-herzig, wie Euer Vater, wie Gott barmherzig ist. Nehmt den anderen in den Blick, verstehe ich. Zieht an einem Strang. Und lebt Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist strukturell gedachte Liebe! Das ist was anderes, als zu sagen: Seid lieb zueinander!

Die Kontinente sind miteinander vernetzt, hängen voneinander ab. Sie driften auseinander. Es kann doch nicht sein, dass die einen am gedeckten Tisch sitzen, das billig Produzierte zu Lasten der einen essen und darauf hoffen, wieder in den Urlaub zu fahren. Andere aber verhungern.

Aber genau das ist Realität. Genau mit dieser Diskrepanz leben wir und die anderen Menschen auch, die in großer Not sind. Habt Erbarmen mit-einander und öffnet im Miteinander Euer Ohr, seht einander an und… öffnet Euer Herz auch für Not, die nicht vor Euren Füßen liegt.

Wir sind beschenkt auch in dieser Zeit. Wir haben ein Dach über dem Kopf, anzuziehen, zu essen. Wir haben ein Klima, das Ernte ermöglicht.

Lasst uns unser Bestes tun! Im Denken, mit Mitgefühl und Barmherzigkeit. Die Gebote Gottes sind nicht moralische Peitschen. Sie sind die Zumutun-gen eines schönen und menschenwürdigen Lebens.

Seid barmherzig, wie Gott es ist! Wem diese Haltung Kompass ist, hat eine Kraftquelle zu leben, weil der Mensch, der so lebt, sich als geschenkt von Gott versteht. Wer so lebt, leidet immer wieder am Unrecht in der Welt, aber wird Segen erfahren und diese Kraftquelle.

Ein gutes Jahr für Sie und Euch! Ein Jahr mit Barmherzigkeit untereinander! Mit Kraft von Gott!

Herzlichst Kirstin Mewes-Goeze

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