Andacht

Gemeindebrief April, Mai, Juni 2021

Liebe Leserin und lieber Leser,


lange Wochen der Entbehrung liegen hinter uns. Viele Tage haben sich trotzdem fast normal angefühlt. Und dennoch – ich beobachte an mir und an anderen, dass die vielen Einschränkungen auf Dauer Spuren hinterlassen. Sie machen uns dünnhäutiger. Manche brechen unwillkürlich bei Kleinigkeiten in Tränen aus. Andere werden schneller ärgerlich als sonst und sind sofort auf 180. Wir haben ganz schön was durchgemacht!

Wie es weiter geht, ist noch nicht klar. Ist die Krise bald vorbei? Oder kommt noch eine „dritte Welle“?

„Nur nicht müde werden, sondern dem Wunder – leise – wie einem Vogel die Hand hinhalten.“, schreibt die Dichterin Hilde Domin. Beharrlichkeit, Geduld und Hoffnung sprechen aus diesen Worten. Sie wecken in mir Vertrauen, dass Wundervolles möglich ist, in jeder Situation. Ihre Worte erinnern mich daran, dass ich eine Wahl habe, wie ich einer Situation begegne:

Bin ich bereit, wahrzunehmen, wenn etwas Wunderbares geschieht?

Bin ich offen dafür, auch in schwierigen Zeiten, auf Schönes und Gutes zu achten? Zu vertrauen?

Mich erinnert das an manche Ostergeschichten. Da wird davon erzählt, dass die Freunde von Jesus so gefangen waren in ihrer Trauer und Verzweiflung, dass sie den auferstandenen Jesus zuerst gar nicht erkannt haben – nicht mal, als er ihnen leibhaftig gegenüberstand und mit ihnen sprach. Maria Magdalena hielt den auferstandenen Jesus zunächst für einen Friedhofsgärtner. Und zwei Jünger haben sogar eine Wanderung mit Jesus gemacht, aber erkannt haben sie ihn erst ganz zum Schluss.

Gott hat Maria und die Jünger in ihrer Verzweiflung nicht allein gelassen. Er war ihnen näher, als sie wussten. Er war und ist lebendig und kann selbst Situationen, in denen wir nur Tod und Ende sehen, in Neuanfang und Liebe verwandeln. Darauf möchte ich vertrauen: dass Gott auch uns näher ist, als wir ahnen, und uns auf seine eigene Weise hilft. Wenn wir wachsam sind, werden wir Spuren davon erkennen. Wunderbares ist möglich, noch in den verfahrensten Situationen.

Vor uns liegt der Frühling. Wir feiern Ostern: die Auferstehung und das Leben. Und im Mai kommt Pfingsten – das Fest, an dem Gott seine Heilige Geisteskraft zu den Menschen sendet, um sie zu inspirieren, zu trösten und zu beflügeln. Plötzlich verstehen sich Menschen verschiedener Kulturen und Nationen. Es ist Aufbruchsstimmung und großes Vertrauen in Gott und seine Kraft.

„Nur nicht müde werden, sondern dem Wunder – leise – wie einem Vogel
die Hand halten!“

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest – und im Mai frohe Pfingsten!

Herzlich grüßt Sie Ihre Pastorin Andrea Pistor

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